Riss durch die Zeit

sternSterntagebuch von Dramaturg Alexander Kerlin

Als meine eineinhalb jährige Tochter vor ein paar Tagen forsch mit ihrem Zeigefinger über ein altes Foto strich, begriff ich einmal mehr, dass sich etwas Grundlegendes in der Welt verändert hat. Die Kleine erwartete, ein digitales Bild vor sich zu haben – und war irritiert darüber, dass das Foto nicht mit einem Wisch verschwindet.

In der wöchentlichen Dramaturgie-Sitzung erzählte ich davon und benutzte unwillkürlich die Wendung, dass ich wohl aus der „alten Zeit“ stamme. Die 1990er und 2000er Jahre durchzieht ein Riss, der das digitale vom analogen Zeitalter trennt. Man wird von ihm sagen, dass nach ihm nichts blieb, wie es war.

Meine Tochter macht die digitale vor der analogen Erfahrung. Meine Jugend: Telefon mit Schnur, Fotoalbum mit Klebefolie, Nachschlagen im „Meyers Lexikon“. Die meiner Tochter: Smartphone, 3D-Drucker, Google. Walter Benjamin hatte einst über die Fotographie gesagt, dass sie die Aura des „Originals“ gefährdet. Heute sind digitale Kopien ohne Qualitätsverlust möglich: die Rede vom „Original“ ist endgültig zweifelhaft geworden. Ein Foto ist kein Ding mehr, das zu einem Ort gehört. Die Endgeräte sind Dienstleister, die überall Zugang zu den persönlichen Daten verschaffen.

Generationen, die heftigen Technologie-Schüben ausgesetzt sind, erfahren gehörigen Anpassungsdruck. Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Wissen und Unterhaltung ist in der Tat eine Attacke auf die Psyche von Menschen, die es noch gewohnt waren, CDs in Endlosschleife zu hören oder 1000-Seiten-Romane in wochenlanger Konzentration durchzuackern. Wir werden Kulturtechniken entwickeln müssen, die uns die Kontrolle über die Zeit zurückgeben.

Das Theater, dieser ganz alte Ort, hat viel Erfahrung mit dem Virtuellen: Wozu sonst gibt es z.B. den roten Vorhang, wenn nicht dafür, Bilder mit einem Wisch von der Bühne verschwinden zu lassen? Also doch nicht so tief, der Riss? Kann uns das Theater mit 2500 Jahren Erfahrung vielleicht sogar dabei helfen, uns im neuen, digitalen Umfeld besser zu orientieren? Wir arbeiten dran.

Die Kolumne Sterntagebuch erlaubt alle 14 Tage einen ganz besonderen Blick hinter die Kulissen des Dortmund Schauspiels. Hier stellen die Beteiligten selbst ihre Sicht der Dinge vor. Das Sterntagebuch erscheint in den Ruhr Nachrichten.

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