Simulierte Welten

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von Dirk Baumann

Eine Welt in der Welt – Rainer Werner Fassbinder erschuf mit seinem legendären Film-Zweiteiler Welt am Draht nach dem Roman Simulacron 3 von Daniel F. Galouye ein Science-Fiction-Szenario, das offenbar gar nicht so realitätsfremd ist. Seit einigen Jahren wird in der Philosophie und den Naturwissenschaften jedenfalls ernsthaft und offen über die „Simulations-Hypothese“ diskutiert – und so unwahrscheinlich scheint es gar nicht zu sein, dass wir alle schon längst in einer simulierten Welt leben. Der Mensch wie wir ihn kennen also ein Schaltkreis, ein elektrischer Impuls, ein Haufen von Bytes und Daten in einem Simulationscomputer?

Der schwedische Philosoph Nick Bostrom stellte in einem 2003 erschienenen Aufsatz die Frage „Are you living in a computer simulation?“ – was klingt wie ein Test mit Ankreuzfragen in einer Zeitschrift, erwies sich schnell als brandheiße und kontrovers diskutierte wissenschaftliche These, die Bostrom mittlerweile auch auf einer eigenen Homepage bündelt (http://www.simulation-argument.com/). Bostrom stellt die Hypothese auf, dass eine höher entwickelte Zivilisation die uns bekannte Wirklichkeit in einem Computer simuliert; unsere Welt inklusive aller Lebewesen also eine einzige große Simulation sei. Und unternimmt zugleich den Versuch wenn nicht eines Beweises, so doch einer, nennen wir es mal „Möglichkeitsuntersuchung“. Mit dem Ergebnis, dass davon auszugehen ist, dass die Simulation der Welt durchaus möglich erscheint, und dass wir in diesem Fall auch „mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Simulation leben“. Also alles nur künstlich? Auch wir, die bereits simulierten Wesen, könnten eines Tages – wenn der technologische Fortschritt es erlaubt – selbst eine Simulation einer künstlichen Welt starten und so eine Welt in der Welt schaffen. Theoretisch lassen sich so unendlich viele Welten vorstellen, die ihrerseits wieder eine Welt simulieren: der Beginn der Multiversum-Theorie.

Beim Gedanken an eine künstliche Welt kommt unmittelbar die Matrix-Trilogie in den Sinn, in der die Menschheit als riesiges Energie-Reservoir ausgebeutet wird, während den Menschen ein ‚normales’ Leben nur vorgegaukelt wird. Neo, der Auserwählte, führt den Kampf gegen die Ausbeuter und Unterdrücker an, um die Menschheit aus der künstlichen Matrix zu erlösen und in die echte Welt zu bringen. Aber auch dieses Vorgehen ist in der wissenschaftlichen Debatte um die Simulations-Hypothese umstritten: Wie sollte man sich in einer Simulation am besten verhalten? Wenn man unter ständiger Beobachtung der Programmierer aus der nächst höheren Ebene steht, lebt man doch zugleich in der ständigen Gefahr der Sanktionierung des eigenen Verhaltens – von der individuellen Belohnung oder Bestrafung bis zur Löschung des Einzelnen oder: der ganzen Welt. Der US-amerikanische Ökonom Robin Hanson rät in seinem Aufsatz „How to Live in a Simulation“ dazu, alles zu tun, um weiter fortzubestehen und die Chance zu wahren, in einer der ‚höheren’ Welten „wiedersimuliert“ zu werden. Praktisch bedeutet das: Mehr für das Heute leben, öfter an entscheidenden Ereignissen teilhaben, unterhaltsamer und lobenswerter sein und die berühmten und bekannten Menschen im eigenen Umfeld dazu bringen, sich für einen selbst zu interessieren. Also zieht die Annahme, dass wir alle in einer Simulation leben, auch eine Verhaltensethik bzw. eine Moral nach sich.

Klingt wie eine Religion? In gewisser Weise schon: Was sind die Programmierer einer simulierten Welt anderes als Götter? Sie haben die Bewohner der simulierten Welt erschaffen und haben die Macht über sie – so wie wir vielleicht eines Tages über die Bewohner der Welt, die wir selbst programmieren werden.

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Der britische Physiker und Mathematiker John Barrow untersucht das Thema unter einem anderen Aspekt: In einer Simulation sei es viel zu aufwendig, alle Naturgesetze bis ins kleinste Detail zu simulieren. Vielmehr sei davon auszugehen, dass an manchen Stellen über den Daumen gepeilt werde, genau wie in einem animierten Film eine Wasseroberfläche das Licht reflektiert – aber nur in dem Maß wie es plausibel und wahrscheinlich erscheint, also real – und nicht, wie es den Naturgesetzen entsprechend bis ins letzte Detail sein müsste. Durch diese Vereinfachungen in der Computersimulation müsse es auch zu kleinen Fehlern kommen – „glitches“ in der Fachsprache – bedingt durch die vorhandenen Ressourcen des Simulationscomputers oder das tatsächliche faktische Wissen der Simulatoren, die ihr Wissen um eine bessere Konstruktion der simulierten Welt ja auch erst nach und nach aufbauen. Fallen diese Fehler wiederum in der simulierten Welt auf, müssten schnell Updates oder „error-correcting codes“ her, die diese Fehler korrigieren – und vielleicht den ‚Naturgesetzen’ der simulierten Welt widersprechen. Es müsse also mit dem Auftreten solcher glitches gerechnet werden. Also Augen auf!

Alles verwirrend. Müsste das Ziel simulierter Wesen denn immer sein, zu versuchen, aus der simulierten Welt auszubrechen (wenn man einmal davon absieht, dass wir ja eigentlich nur simuliert sind, d.h. gar nicht wirklich aus Fleisch und Blut, und unser Bewusstsein nur aus Bytes besteht – wie also Bytes in organisches Leben transferieren?). Nein, sagt der US-Philosoph Hubert Dreyfus, Bezug nehmend auf die Matrix-Trilogie: Warum sollten die Menschen darin ausbrechen wollen, wenn sie in der Simulation doch eigentlich ein gutes Leben führen und auch gar nicht um ein ‚anderes’ Leben wissen?

 Und wenn sie doch darum wissen? Beziehungsweise wir?

Weiterführende Literatur:

 Barrow, John D.: Living in a Simulated Universe. (http://www.simulation-argument.com/barrowsim.pdf)

 Becker, Markus: Gefühlte Wirklichkeit. Lebt die Menschheit in der Matrix? (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gefuehlte-wirklichkeit-lebt-die-menschheit-in-der-matrix-a-328008.html)

 Bostrom, Nick: Are you living in a computer simulation? (http://www.simulation-argument.com/simulation.html)

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