Remix Beckett – Sterntagebuch*

My beautiful picture
Von Dramaturg Alexander Kerlin
(erschienen in den RuhrNachrichten am 29. Mai 2013)

 Auf der Suche nach einem cleveren Einstieg zu dieser Kolumne stieß ich auf folgendes Problem: Ich wollte mir das Lied „Revolution 9“ vom Weißen Album der Beatles noch einmal anhören – in der Hoffnung, dass Lennon/McCartney eine Zeile Poesie für mich haben, die ich für meine Zwecke sampeln kann. Doch ausgerechnet „Revolution 9“ war bei Youtube gesperrt – mit Hinweis auf die GEMA und das Musiklabel EMI: „Verlagsrechte nicht eingeräumt.“

 Ärgerlich. Besonders, weil die Kolumne als Loblied auf’s Sampeln angelegt war (Sampeln = Versatzstücke aus Kunstwerken neu kombinieren). Es gibt ein tolles Projekt des DJs Danger Mouse, der Songs vom Weißen Album mit Liedern vom Schwarzen Album des Rappers Jay-Z verschneidet: „The Grey Album“ (Das Graue Album). Wirklich so toll? Oder fallen die Songs unter das Verdikt: „Kopieren ist keine Kunst“ oder sogar „Raubkopierer sind Verbrecher“? EMI jedenfalls hat gegen Danger Mouse prozessiert.

 Lassen wir Goethe zu Wort kommen: „Man spricht immer von Originalität, allein was will das heißen. So wie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken, und das geht so fort bis ans Ende. Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig.“

 Im Theater sind wir heute selten so konsequent im Denken wie Goethe oder Danger Mouse. Was wäre unser Projekt analog zum Grauen Album? Becketts „Warten auf Godot“ verschneiden mit Texten von Sammy Deluxe? Noch nicht die beste Idee, und die Beckett-Erben würden Kopfstand machen. Aber darum geht’s: Köpfe und Herzen auf für eine neue Kultur des Remixes im Theater. Beckett ist nicht mehr als gepflegtes Bildungsgut interessant, sondern als radikaler Poet, den wir angesichts neuer Fragen neu kombinieren müssen. (Wie man Rechte lebender Künstler trotzdem schützt, darum geht’s auch bei den „Cybertalks“ im Schauspielhaus: 6. – 9. Juni. Mehr: http://www.cyberleiber-festival.de)

 Zum Schluss: Ein bekannter Dortmunder Pfarrer hat mir kürzlich verraten, dass er für eine Predigt schon mal ein Sterntagebuch gesampelt hat. Ich war hoch erfreut. Rechte: selbstverständlich eingeräumt.

 * Das Sterntagebuch erscheint seit zwei Jahren als regelmäßige Kolumne des Schauspiel Dortmund in den RuhrNachrichten.

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