…ODER BIST DU SCHON SIMULIERT?

Welt am Draht

Von Anne-Kathrin Schulz

WELT AM DRAHT: Fred Stiller ist Experte für Zukunftsprognosen – für präzise Voraussagen von gesellschaftlichen und ökonomischen Vorgängen. An seinem Arbeitsplatz (dem Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung, IKZ) wird mit Künstlicher Intelligenz experimentiert – getrieben von der Sehnsucht, die Natur des Menschen wirklich zu verstehen, zum Wohle der Allgemeinheit. Oder sollen die Forschungsergebnisse vielmehr Wirtschaftskonzernen dazu dienen, ihren Absatz zu verbessern? Jedenfalls: Das IKZ-Computerprogramm ‚Simulacron‘ simuliert eine komplexe künstliche Welt mit zehntausend Menschen – die allerdings nichts davon ahnen, dass sie nicht aus Molekülen, sondern aus Bits und Bytes bestehen. Und auch Fred Stiller muss bald erkennen, dass er offenbar nicht nur der Leiter eines bahnbrechenden wissenschaftlichen Experiments ist, sondern gleichzeitig Teil eines eben solchen. Eine großangelegte Verschwörung scheint im Gange zu sein, bei der sich die Grenzen zwischen Schein und Sein auflösen: Als Sicherheitschef Lause plötzlich verschwindet, kann sich niemand außer Stiller daran erinnern, dass Lause jemals existiert hat…

WER BIN ICH?
Krimi, Abenteuer, Zukunftsversion: Was tun, wenn klar wird, dass die Wahrheit an genau dem Punkt beginnt, an dem die Wirklichkeit zerfällt? Menschen eingesperrt zwischen Realität und Illusion – Überwachte und Überwacher, verfangen in der Frage, wie viel von ihrem Leben sie wirklich selber in der Hand haben: Rainer Werner Fassbinders WELT AM DRAHT ist eine „Meditation über das Wesen der individuellen und gesellschaftlichen Paranoia im Informationszeitalter“, so Thorsten Dörting in SPIEGEL ONLINE, „und zwar aus einer Zeit, als dieses nicht mal richtig angebrochen war.“
In der Tat: Der 1982 mit nur 37 Jahren verstorbene geniale Filmemacher Fassbinder, das Wunderkind des Neuen Deutschen Films, visualisiert in seinem erstmals1973 in der ARD gesendeten Zweiteiler früh eine Versuchsanordnung, die dann mehr als zwei Jahrzehnte später eines der zentralen Themen des Films, des Leitmediums des 20. Jahrhunderts, werden sollte: das Auftauchen aus einem Traum. Unter den Kino-Welterfolgen seit den 1990er Jahren finden sich diverse Filme, in denen eine vermeintliche Lebenswirklichkeit als eine von Schöpfern gesteuerte Inszenierung entlarvt wird: z.B. MATRIX, DIE TRUMAN SHOW, DARK CITY, eXistenZ, TOTAL RECALL und THE 13th FLOOR (der übrigens genau wie WELT AM DRAHT auf dem Roman SIMULACRON-3 von Daniel F. Galouye basiert).

WAS IST WIRKLICH?
Fassbinder war also einer der ersten, der einer Thematik Bilder gab, die zwar ein Klassiker im philosophischen Diskurs (man denke z.B. nur an Platons berühmtes Höhlengleichnis) und in der Science-Fiction-Literatur war, aber noch keinesfalls Teil des kulturellen Mainstreams. Das änderte sich, als die Utopie von der ‚Welt in der Welt‘ weniger utopisch wurde: Der Computer erweiterte die Werkzeugpalette des Menschen, das Internet seinen Aufenthaltsort. Parallel zu den technischen Möglichkeiten wuchsen rasant und vielerorts die Gedankenräume. Die Architektur der Gegenwart befindet sich seitdem in steter Rekonstruktion, und mit ihr auch Kategorien wie Realität und Illusion, Schöpfer und Geschöpf. Sowie die Frage nach so etwas wie der Wahrhaftigkeit allen Seins, denn: Wenn wir technologisch in der Lage sind, neue Welten nicht nur zu erträumen, sondern auch zu kreieren – müssen wir dann nicht auch in Erwägung ziehen, dass wir selber vielleicht auch nur erträumt sind?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Programmheft zu Welt am Draht. Das komplette Online-Programmheft können sie hier einsehen.
Die nächsten Vorstellungen sind am 13., 15., 16. und 28. Juni und 5. und 13. Juli 2013 im Schauspielhaus!

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