Datenhamster – Sterntagebuch*

Von Dramaturg Alexander Kerlin
(erschienen in den Ruhr Nachrichten am 10. Juli 2013

 Geht es Ihnen auch so? Seitdem die Totalüberwachung unserer Internet- und Telekommunikation durch Geheimdienste endlich öffentlich diskutiert wird, frage ich mich noch häufiger, welche Daten ich gerade produziere – und wer sie zu welchem Zweck speichert.
Ich fahre mit meinem Smartphone-Navi auf der B1: mein Bewegungsprofil aktualisiert sich. Ich zahle mit Karte: Das Profil meines Konsumverhaltens wird exakter. Ich veröffentliche ein Sterntagebuch, das die Vokabeln Terror, NSA und Widerstand enthält. Rückt mein Name in der Liste potentieller Staatsfeinde nach oben?
Die Netzgemeinde hat sich schon angewöhnt, die Mitarbeiter der National Security Agency in ihrem Mails zu grüßen. Und während sich unsere Politiker disqualifizieren (Merkel: „Das Internet ist für uns alle Neuland“, Gauck: „Wir wissen zum Beispiel, dass es nicht so ist wie bei der Stasi, dass es dicke Aktenbände gibt. Das ist es nicht.“), fragen sich all jene, die für die lückenlose Verschlüsselung ihre Kommunikation weder Zeit noch Expertise haben, wie sie sich in Zukunft – öffentlich und privat – ohne Selbstzensur über ihre Interessen verständigen sollen.
Und wie schaffen wir es, das eigene Ich vom Virus der Kontrollinstanzen frei zu halten – neigen wir doch dazu, in vorauseilendem Gehorsam den unsichtbaren Zuhörer immer schon mitzudenken. In ihrem Pamphlet „Der kommende Aufstand“ hat die Gruppe Unsichtbares Komitee vor sechs Jahren vorgeschlagen, sich wieder mehr vis-à-vis zu treffen, um elektronische Spuren zu vermeiden.
Das löst zwar nicht das Problem, bringt uns aber auf das Theater: die Kunstform des vis-à-vis schlechthin. Gerade die Flüchtigkeit der Spuren, die es in seinen Besuchern erzeugt, entwickelt im Zeitalter der Datenhamster und Faktensammler eine ungeahnte gesellschaftliche Qualität. Das Theater sollte sich anstrengen, abhörsicher und auch in Zukunft ein Trainingslager gegen Fremd- und Selbstüberwachung zu bleiben – dann wird es weiter unverzichtbar sein. Freiheit ist nicht an sich vorhanden, sondern will immer wieder gemeinsam ersonnen sein.

*Das Sterntagebuch erscheint seit zwei Jahren als regelmäßige Kolumne des Schauspiel Dortmund in den Ruhr Nachrichten.

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